The Shy Camera oder die andere Seite des Big Brother
| Quelle: http://www.emaf.de/deutsch/festival/programm/ausstellung.html |
In unserem Seminar „Erinnern und
vergessen“ stellen wir uns die Frage, ob ein Kunstwerk auch als Denkmal
fungieren kann.
Bei dem Besuch der diesjährigen Ausstellung
des European Media Art Festivals (EMAF) in Osnabrück, war ich sofort von
der interaktiven Installation von Gregor Kuschmirz The Shy Camera (2006/2013)
fasziniert.
Die Installation besteht aus einer von der Decke hängenden
Überwachungskamera und einem an der hinteren Wand befestigten kleinem Monitor.
The Shy Camera schien ein richtiger Besuchermagnet zu sein: Menschen betraten den Raum der Installation
und versuchten mit viel Mühe auf dem Monitor zu erscheinen. Durch gegenseitige
Unterstützung wurde versucht, das schüchterne Gerät auszutricksen, gelingen sollte
es jedoch keinem von ihnen.
Sobald der Bewegungssensor der
Kamera, eine sich vor ihrer Linse
befindende Person erkannte, drehte sie
sich in einer schnellen Bewegung von ihr fort.
Doch kann dieses, durch die Interaktion mit den Besuchern, recht amüsant wirkende Kunstwerk ein Denkmal
sein?
Ich bin der Meinung: Ja!
Allerdings ist hier eher der Begriff
des „Mahnmals“ zu wählen.
The Shy Camera fungiert als
ein Spiegel, der den Besuchern (der Gesellschaft?) vorgehalten wird.
Dabei unterscheiden sich die
Intention des Kunstwerks und die des Mahnmals nicht.
Das diesjährige Thema des EMAF
befasst sich mit der ständigen Überwachung und Datensammlung sowie dem Unbehagen, oder gar der puren Angst, die
daraus resultieren kann.
Für mich bezieht sich The Shy Camera weniger auf diese emotionale Ebene, sondern
dient eher als ein Mahnmal für die gesellschaftliche Inkonsequenz, welche insbesondere durch den
bereits beschriebenen, aktiven Umgang mit dem Kunstwerk innerhalb dieser Ausstellung
deutlich wird. Eine Reaktion auf das Kunstwerk, die für mich unabhängig vom
Raum hervorzurufen sein würde: Würden
die Kamera und der Monitor mitten in der Stadt, auf einem öffentlichen
Platz angebracht sein, würde es, da bin ich mir sicher, zu dem gleichen Umgang,
den gleichen Reaktionen und Aktionen mit dem Werk führen.
Die Spiegelfunktion des Mahnmals
wird an den aus der Aktion
resultierenden Emotionen der Agierenden deutlich: Obwohl die ständige
Überwachung durchaus kritisiert, ja sogar gefürchtet wird, scheint es den Menschen wichtig zu sein, „ins Rampenlicht zu kommen“, oder auf einem
kleinen Monitor zu erscheinen und sie sind regelrecht verärgert und enttäuscht,
wenn ihnen dieses misslingt.
Wird der vermeintlich fröhliche Schleier der Installation/des
Mahnmals durchdrungen, bleibt letztlich die bloße und leicht bittere
Selbsterkenntnis: die eigene Inkonsequenz,
seine eigene Person und das Private
schützen zu wollen, aber gleichzeitig den Drang nach Selbstdarstellung zu
verspüren ohne etwaige Folgen zu reflektieren.
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